Der Autor Friedrich Christian Delius starb am 30. Mai im Alter von 79 Jahren.

Als ehemaliger Melanchthon-Schüler schrieb er anlässlich des 60. Jubiläums der Schule einige Erinnerungen an seine Schulzeit auf, die in der damaligen Festschrift im Jahr 2008 veröffentlicht wurden und hier in einem kurzen Ausschnitt wiedergegeben werden.

Er war 14 und konnte nichts. Ein schlechter Schüler, am Gymnasium Bad Hersfeld zweimal knapp dem Sitzenbleiben entronnen, nun der Neue in der Obertertia, der 9. Klasse, der Melanchthon-Schule. Schnell war klar, auch hier lag er weit unter dem Klassendurchschnitt. Vor allem in den Hauptfächern Latein, Griechisch, Mathematik musste er sich bei jeder Hausaufgabe, bei jeder Klassenarbeit anstrengen, nicht vom schwachen „Ausreichend“ ins „Mangelhaft“ abzurutschen. In den anderen Fächern sah es kaum besser aus, ein „Befriedigend“, zum Beispiel in Deutsch, war schon eine Spitzennote. In keinem Fach glänzte er, auf dem Schulhof auch nicht. Er konnte nichts, es gab kein Feld, auf dem er besser war als andere und sich damit etwas Anerkennung holen konnte. Er spielte kein Instrument, er kannte sich in musikalischen Dingen nicht aus. Der Jazz war so neu für ihn wie die Beethovenschen Klaviersonaten. Im Sport gehörte er zu den Schwächsten, er versuchte wenigstens durch Zähigkeit und Ausdauer in den Rang eines Langläufers aufzusteigen, und scheiterte kläglich. Selbst im Fußball war er eine Randfigur, die kleinen Erfolge in der Schülermannschaft seines Dorfes Wehrda und die Begeisterung für die deutschen Weltmeister – drei Jahre nach dem Sieg in Bern – reichten nicht aus, auf dem Steinataler Platz irgend jemandem zu imponieren. Vor dem Schwimmbad versuchte er sich zu drücken. Er las nicht wenig, konnte aber weder mit besonderen Leseerlebnissen noch mit geschickten Nacherzählungen bestimmter Bücher aufwarten. Er stotterte. Mit den Ohren wackeln konnte er nicht, keinen Kopfstand, nicht mal als Klassenclown taugte er. Schlecht spielte er Skat, lernte mühsam das beliebteste Kartenspiel, Doppelkopf, und war doch nur gefragt, wenn der vierte Mann fehlte. Er war weder stark noch klug noch schnell. Natürlich hatte er keine Freundin, er fing gerade erst an, heimliche Blicke in Richtung der schöneren Mädchen zu schicken.
Die ersten Monate im Steinatal, sie hätten eine Katastrophe für ihn werden können – aber das Gegenteil geschah, er empfand sie als Befreiung. Er fühlte sich trotz seiner hundert Schwächen akzeptiert und vielleicht auch mit diesen Schwächen akzeptiert, als stiller Sonderling, der weder positiv noch extrem negativ auffiel. Viele erkannten seine Hilflosigkeit offenbar noch deutlicher als er und ermunterten ihn: die meisten Lehrer, die Erzieher, die Mitschüler, die Mitbewohner, und sogar der Direktor. Häme und Hänseln hat es allenfalls spielerisch gegeben. Sadistische Rituale der Demütigung, die seit dem „Törless“ in allen Internatsromanen beschrieben werden, fanden zu seiner Steinataler Zeit und in seiner Altersgruppe nicht statt – er jedenfalls hat nichts davon mitbekommen. Und wegen dieser vielen Ermunterungen und trotz seiner schlechten Leistungen hat er diese Zeit als Befreiung erlebt – eine Befreiung vom strengen Elternhaus.

Er wurde nicht versetzt, aber das war keine Schande. Der Beschluss, ihn die Obertertia noch einmal wiederholen zu lassen, war einvernehmlich zwischen den Lehrern und den Eltern und ihm gefasst worden. Jedenfalls wurde ihm die Sache so dargestellt, als hinge die Nichtversetzung auch von seiner Zustimmung ab. Man hätte ihn mit Ach und Krach versetzen können, aber es schien besser, ihm den Schulalltag durch die Wiederholung des Stoffes zu erleichtern. Eine vernünftige Entscheidung, fand auch er. Im Internat stand außerdem der Aufstieg von Gruppe oder Stube „Helgoland“ mit ca. zwanzig Schülern in die Stube „Atlantis“ mit nur acht Mitschülern in Aussicht, wo jeder, welches Privileg, einen eigenen Schreibtisch hatte.
Ein viertel Jahr zuvor waren seine Eltern mit den drei Geschwistern von Wehrda, zwischen Bad Hersfeld und Hünfeld gelegen, umgezogen nach Korbach in der nordwestlichen Ecke Hessens. Hier gab es ein altsprachliches Gymnasium, und am liebsten hätten ihn seine Eltern schon Ostern, schon jetzt, dahin wechseln lassen – vor allem der Internatskosten wegen. Er sträubte sich mit allen Kräften, wehrte sich in heftigen Briefen, er wollte im Steinatal bleiben. Nichts zog ihn in die häusliche Enge zurück, und er spürte, wie er immer mehr profitierte von den Anregungen und Gesprächen im Internat und von den relativ freundlichen, engagierten Lehrern in der Schule. Es kam zum Kompromiss: ein halbes Jahr durfte er noch bleiben, ein halbes Jahr mit der Erleichterung der Wiederholung des Obertertia-Stoffes, ein halbes Jahr in „Atlantis“.
Der Sitzenbleiber war also nicht unglücklich, als er mit dem Fahrrad, das schlechte Zeugnis im Gepäck, am Beginn der Osterferien Richtung Korbach startete. Beim Verabschieden sagte ihm ein Mitschüler: „Take it easy!“. Die drei Wörter machten ihn fröhlich, er rief sie immer wieder laut vor sich hin auf den Landstraßen und Bundesstraßen, auf der langen Strecke über Ziegenhain, Jesberg, Zwesten, Bad Wildungen, Waldeck, Sachsenhausen. Je näher er Korbach kam, desto weniger leicht flog ihm dies Motto von den Lippen.

Das halbe Jahr hatte er genutzt wie ein ganzes. Die Schulleistungen wurden besser, immer noch nicht gut, aber doch so, dass sie ihm den Alpdruck des ewigen Versagers nahmen. Aus dem schlechten Schüler war immerhin ein schwach mittelmäßiger oder akzeptabel schlechter Schüler geworden. Dank dieser Erleichterung konnten sich die ersten Interessen entfalten. Er las zum ersten Mal Kafka, Wolfgang Borchert und Leonhards „Die Revolution entlässt ihre Kinder“. Es wurde über Camus, moderne Kunst und Jazz diskutiert, er hörte staunend zu. Er stotterte weniger, unter Freunden noch weniger. Der Fußball war nicht mehr wichtig. Die ersten ehrfurchtsvoll kritischen Gedanken über das Christentum. Ein Freund wusste viel von der Philosophie, ein anderer vom Jazz, ein dritter von den Mädchen. Die aus der „Ostzone“ gekommenen Mitschüler hatten Spannendes zu erzählen. Natürlich hatte er sich verliebt in eine aus dem Mädchenheim, natürlich in die Schönste, Beliebteste, Unerreichbarste.
Gegen seinen Willen hatte er die Melanchthon-Schule und das Internat zu verlassen, wie der Kompromiss es befahl, in diesem Herbst. Jungens weinen nicht, hatte er gelernt. Aber getrauert hat er lange.