„Es ist das Phantom unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft oder in den Himmel verzückt.“

Dieses „Phantom unseres eigenen Ichs“ wurde am Nachmittag des 05. Mai 2022 in der Sporthalle der Melanchthon-Schule Steinatal für die Deutschkurse und den DSP-Kurs der Q2 und deren Lehrkräfte sichtbar, oder viel eher: hörbar.

Die Hörtheatrale Marburg führte ihre Inszenierung der Erzählung „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann aus dem Jahr 1817 auf.

Als Textfassung von Daniel Sempf für die Hörtheatrale geschrieben , der ebenfalls Regie führt und für Musik und Sound der Aufführung zuständig ist. Gelesen wurde das Stück von Franziska Knetsch, Michael Köckritz sowie dem Regisseur selbst.

Die Theaterform im Allgemeinen ist von den Schüler:innen als positiv empfunden worden.

Die Inszenierung sei jedoch ohne Vorkenntnisse des Werks schwierig zu verstehen gewesen und auch die Mehrfachbesetzung der Rollen sorgte bei Teilen des Publikums für Verwirrung. Das Werk sei aus diesem Grund „unpassend“ für die Form der Hörtheatrale.

Andere Zuschauer:innen wiederum fanden großen Gefallen an der Aufführung und waren auch von der neuen Darstellungsform begeistert. Die verwendeten Soundeffekte seien passend eingesetzt gewesen und auch die Interpretation der Figuren sei gelungen.

Die Erzählung „Der Sandmann“ handelt von der Geschichte des Studenten Nathanael, der seit seiner Kindheit unter einem Trauma bezüglich des Sandmanns, dem fürchterlichen Protagonisten eines Ammenmärchens, leidet. Angeblich kommt dieser nachts zu Kindern, die nicht schlafen, stiehlt ihnen ihre Augen und wirft sie seinem eigenen Nachwuchs zum Fraß vor. Die Figur des Sandmanns sieht Nathanael zuerst in dem Rechtsanwalt Coppelius, einem Freund seines früh bei einem alchemistischen Versuch verstorbenen Vaters, später dann in der Person des zwielichtigen Wetterglashändlers Giuseppe Coppola verkörpert.

Jahrelang lebt Nathanael mit seinem Trauma – doch eine Begegnung lässt seine dunkelsten Erinnerungen wieder lebendig werden. Er verliert sich in fanatischen Ideen, denen keiner seiner engsten Vertrauten Glauben schenken will.

Ist er ein Verrückter, der letzten Endes seinen Wahnvorstellungen zum Opfer fällt, oder nur ein Missverstandener, der sieht, was andere für unmöglich halten?

Die Aufführung selbst beginnt recht harmlos: zwei der Hauptfiguren, Clara (Franziska Knetsch) und Lothar (Daniel Sempf) unterhalten sich über den neuesten Brief ihres Bruders bzw. Freunds Nathanael (Michael Köckritz); im Hintergrund sind diverse Naturgeräusche zu vernehmen.

Ein idyllisches Bild, das sich vor dem inneren Auge des Publikums aufbaut – doch lange hält es nicht an. Schnell muss das friedliche Gärtchen einer schaurig-gruseligen Atmosphäre weichen.

Die Briefe, in denen der Protagonist Nathanael seine schrecklichen Kindheitserinnerungen schildert und die sowohl das Herzstück der Erzählung E.T.A. Hoffmanns als auch der Adaption von Daniel Sempf darstellen, lassen den düsteren Flair der Epoche der Schauerromantik lebendig werden.

Passende Unterstützung liefern den Sprechern gezielt eingesetzte Requisiten, wie ein Koffer, in dem der suspekte Wetterglashändler Coppola seine Waren transportiert und aus dem wechselnde Lichter strahlen, sowie die perfekt abgestimmte auditive Untermalung des Gelesenen durch Tonspuren, einzelne Soundeffekte und zuvor aufgenommene Passagen.

Eine Melange aus verschiedensten Methoden, die die mehr als 200 Jahre alte Erzählung in vollkommen neuem Licht erstrahlen lässt und in unsere heutige Zeit holt.

Dies geschieht auch durch die brillante Textfassung Daniel Sempfs auf Basis von E.T.A. Hoffmanns Erzählung, die große Teile des Originaltexts unter Wahrung dessen Sprachstils vollkommen zwanglos mit moderner Alltagssprache verknüpft.

Fließende Übergänge scheinen ohnehin eine Spezialität des Marburger Ensembles zu sein, dessen Sprecher problemlos zwischen ihren Rollen wechseln, so konträr sie auch sein mögen. Vor allem Michael Köckritz vermag es, sich binnen Sekunden von der Figur des angsterfüllten Nathanael zu dessen größten Horrorfantasie, dem Sandmann, und wieder zurückzuverwandeln.

Diese Wechsel werden teils durch Requisiten, meist jedoch durch das bloße schauspielerische Talent der Darsteller angezeigt – wie etwa bei Franziska Knetsch, die fast nur mit Mimik, Gestik und Stimme von der heiteren Clara zum gruseligen Coppola wird.

Das Thema des Konflikts zwischen Vernunft und Fantasie, Verstand und Vorstellung, das im Zentrum von Hoffmanns Erzählung und somit auch in dem der Aufführung steht, ist und bleibt stets aktuell.

Durch die Verbindung aus dieser Thematik und der künstlerischen Umsetzung in Form der Hörtheatrale, die nicht nur unterhält, sondern vor allem das Vorstellungsvermögen des Publikums in einer beispiellosen Verknüpfung aus live Gesprochenem sowie bereits Aufgenommenem anregt, erwachen Hoffmanns Figuren zum Leben und ziehen den Zuhörer in ihren Bann.

Leonie Braun & Anna Maria Grothe, Q2c