Im Jahre 1772 fuhr der fast 23 Jahre alte Goethe in Wetzlar mit einer Kutsche ein. Er blieb vier Monate in der Stadt an der Lahn; es wurden Monate die sein Leben entscheidend veränderten. Was war geschehen? Am 25. Mai trug sich Goethe unter der Nummer 956 in die Kartei der Rechtspraktikanten am Reichskammergericht ein. Er war auf Wunsch seines Vaters, des Kaiserlichen Rats Johann Caspar Goethe, nach Wetzlar gekommen. Der junge Goethe beschäftigte sich mit der Juristerei nur beiläufig und ging umso eifriger seinen literarischen und künstlerischen Neigungen nach, durchstreifte die Umgebung Wetzlars und das Lahntal. Dann verliebte er sich in Charlotte Buff, Tochter des Deutschordensverwalters, doch Lotte war bereits einem anderen versprochen. Auch mit ihrem Verlobten freundete er sich an. Die für ihn schmerzhafte Dreiecksgeschichte verewigte er zwei Jahre später in dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“. Mit diesem Werk wurde er berühmt.

250 Jahre später fuhren wir, der Deutsch-OK der E-Phase mit unserem Lehrer Herr Bödicker, nach Wetzlar, um den Spuren Goethes zu folgen. Der Rundgang durch die Stadt führte uns vom Domplatz zu den Gedenksteinen für Lotte und Jerusalem im Rosengärtchen. Von dort aus ging es weiter zum Brunnen vor den Stadttoren ...

Das ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern. – Du gehst einen kleinen Hügel hinunter und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken, die Kühle des Orts; das hat alles so was Anzügliches, was Schauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da sitze. Da kommen die Mädchen aus der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft und das nötigste, das ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohltätige Geister schweben. O der muß nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kühle gelabt haben, der das nicht mitempfinden kann.

... und schließlich zum Lottehaus, wo der junge Goethe zum ersten Mal auf Charlotte von Buff traf. 

Ich war ausgestiegen, und eine Magd, die ans Tor kam, bat uns, einen Augenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen würde gleich kommen. Ich ging durch den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die vorliegenden Treppen hinaufgestiegen war und in die Tür trat, fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe. in dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Größe, die ein simples weißes Kleid, mit blaßroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein »danke!«, indem es mit den kleinen Händchen lange in die Höhe gereicht hatte, ehe es noch abgeschnitten war, und nun mit seinem Abendbrote vergnügt entweder wegsprang, oder nach seinem stillern Charakter gelassen davonging nach dem Hoftore zu, um die Fremden und die Kutsche zu sehen, darin ihre Lotte wegfahren sollte. – »Ich bitte um Vergebung«, sagte sie, »daß ich Sie hereinbemühe und die Frauenzimmer warten lasse. Über dem Anziehen und allerlei Bestellungen fürs Haus in meiner Abwesenheit habe ich vergessen, meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben, und sie wollen von niemanden Brot geschnitten haben als von mir«.

Im Verlauf des Stadtrundgangs vollzogen wir verschiedene Stationen von Goethes Aufenthalt in Wetzlar nach. Der offizielle Teil endete am Schillerplatz beim Jerusalemhaus. Vor der Rückkehr nach Steinatal war noch Zeit für eine Erfrischung in der nahegelegenen Eisdiele.