Gefangen in einer endlosen Schleife - eine sich immer wiederholende und unabänderbare Realität. Die Gesellschaft in einem endlosen Kreis in der Zeit. „Hätte, hätte Fahrradkette“ und „Wer A sagt, muss auch B sagen“.

Der Regisseur Constantin Hochkeppel kreiert in seinem Stück „in decent times“ ein Zusammenspiel von lustigen Diskussionen, sehr bekannt vorkommenden Sprichwörtern, aber auch zwischenzeitlich bedrückenden stillen Momenten und der darauffolgenden Eskalation. Micha Baum, Gustavo de Oliviera Leite, Borys Jaźnicki und Jeff Pham spielen in diesem Tanz und Physical Theatre die Hauptrollen und bereichern den Cast jeder auf seine ganz eigene Weise. Von akkuraten und präzise einstudierten Bewegungsabläufen hin zu willkürlich wirkender Tanzerei und wilder Bewegung ist in diesem Stück alles auffindbar. Musik und Bühne sind hierbei recht einfach gehalten. Einzelne Töne und nur wenige Requisiten, wie ein gedeckter Tisch und Steine, welche später verspeist werden, reichen hierbei aus, um die angespannte und doch auch aufregende Stimmung zu erzeugen, die gut über die Länge des Stücks gehalten wird. Der Beginn zieht sich zwar einige Minuten, welche dann aber durch die rasante Erzählweise wieder aufgeholt werden. Die Essensszene zu Beginn lockert die Stimmung sofort auf und zieht somit das Publikum in den Bann. Die bekannten deutschen Sprichwörter, deren Aneinanderreihung und auch Wiederholungen, stellen für jeden etwas Bekanntes dar und werden mit viel Humor verpackt. Zwischendurch schimmert die Vorstufe der Eskalation durch und der Spannungsbogen wird immer weitergezogen. Nach den ersten 20 Minuten voller Gelächter, komödiantischer Darstellung der Sprichwörter und Neckereien zwischen den Figuren, schlägt der Ton des Stücks dann schlagartig um: Eine eskalierende Belästigungsszene wird emotional und äußerst bedrückend verkörpert und es herrscht absolute Stille im Publikum. Dies ist einer der stärksten Momente des Stücks, der ein starkes inneres Unbehagen auslöst und das Zuschauen nahezu schwierig macht. Gebrochen wird diese am Ende wieder durch Sprichwörter, Kämpfe und Tänze auf der Bühne. Die Unbedeutsamkeit von Gesprächen über die Prozentzahl des Trinkgeldes, welche dann in einer Schlägerei und Geschrei eskaliert, wirkt hierbei in perfektem Kontrast zur vorangegangenen Szene, die komplett unkommentiert bleibt, und die Frage aufwirft, ob im öffentlich-gesellschaftlichen Diskurs nicht etwas falsch läuft. Die Darstellung des Festlegens der „Partikel“ in Anlehnung an unser Grundgesetz lässt die Verfassung fast willkürlich veränderbar und vor allem wenig ernst erscheinen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar - die Organe des Menschen sind unantastbar… außer man ist Chirurg.“ Das Ende des Stücks scheint immer mehr auf die angekündigte Eskalation hinzuarbeiten und die Bewegungen der vier Schauspieler werden wilder, lauter und aggressiver. Es endet mit einem großen Knall und der Aussicht darauf, dass alles wieder von vorne anfangen könnte. Das Anfangsbild von vor einer Stunde ist zwar rekreiert, der Blickwinkel aber nun ein anderer. Insgesamt ist das Stück ein Vorzeigebeispiel des postdramatischen Theaters, da von Raumlauf, Slow-Motion, aneinandergereihten Sprachflächen über chorisches Sprechen und Tanzeinlagen jegliche Stilmittel vertreten sind, die das Stück anhaltend spannend und aufregend machen. Besonders hervorzuheben sind die schauspielerischen Leistungen und die Dynamik auf der Bühne. Besonders Micha Baum vermittelt hierbei ein eindrückliches Bild und legt als Koproduzent eine beachtenswerte Performance hin, die schon allein durch Mimik und Gestik in Erinnerung bleibt. „In decent times“ ist ein modernes und zum Nachdenken anregendes Stück, das auf so viele Weisen interpretiert werden kann, dass jeder eine persönliche Lehre aus dem Saal mit hinausnimmt und auch noch weitere Tage mit sich trägt. Aus dem Stück gehen keine Gewinner hervor und das Szenario scheint beliebig oft wiederholbar zu sein. Ist unsere Gesellschaft in einem vergleichbaren Kreislauf gefangen und wird die Menschheit diesen überhaupt durchbrechen können? Insgesamt ist das Theaterstück sehr empfehlenswert, da es aufgrund des Humors und auch der ernsten Thematiken kurzweilig und interessant bleibt und immer neue Facetten aufzeigt und sich dabei nicht als Mediator oder Problemlöser inszenieren will, sondern als Denkanstoß oder auch einfach nur als Unterhaltung. Es scheint also auf ungezwungene Weise an sein Ziel zu kommen, dass die Menschen darüber diskutieren und nachdenken.

(Text: Anouk Klimpel)